Franz Beutel ist 90: Die kleine und die große Solidarität
Pastor i.R. Franz Beutel aus Gera ist am 5. Juli 90 Jahre alt geworden. Ein Blick auf sein bewegtes Leben und anhaltendes Engagement:

„Vöglein im hohen Baum, klein ist’s, man sieht es kaum…“ Mit geübten Stimmen singen Gerda und Franz Beutel zweistimmig dieses alte Volkslied. Gebannt hören ukrainische Frauen aus Charkiw, Poltawa, Mariupol und Donezk dem Ehepaar zu. Jeden Montag lernen die Frauen im Rentenalter im Gera-Lusaner Jugendzentrum „Jumpers“ Deutsch bei den Beutels. „Wir verstehen jetzt viel mehr, wenn wir einkaufen. Dieses ungewöhnliche Ehepaar schenkt uns die neue Sprache, Geduld und Trost. Übrigens: Franz singt sehr gut “, loben die Frauen ihre Lehrer. Gerda und Franz schauen sich kurz an und singen sofort das Lied vom Vöglein.
Stets in Reichweite
Franz Beutel feiert am 5. Juli seinen 90. Geburtstag, Ehefrau Gerda ihren 89. im August. „Der Trauspruch unserer Hochzeit 1965 hat 61 Jahre lang unser Leben bestimmt “sagt er und zitiert: „Lasst uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit.“
Franz Beutel ist Pastor i.R. Das heißt Pastor in Reichweite. Wie wahr! Der Geistliche der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Gera arbeitete als Gefängnisseelsorger, er baute 1992 in Gera die Telefonseelsorge auf, er predigte für die ersten Spätaussiedler in der Aufnahmestelle Eisenberg und ist seit elf Jahren Vorsitzender des Freundeskreises für Flüchtlinge - alles im Ehrenamt.

Ines Bauer, Vizevorsitzende im Freundeskreises, nennt ihn „einen Brückenbauer zwischen den Kulturen. Mit viel Geduld, Empathie und Herzblut hilft er Migranten, die deutsche Sprache zu lernen, gemäß seinem Credo: Sprache ist der Schlüssel zur Welt.“
Drei Berufe hat er erlernt: Modelltischler für Schwerarmaturen, Orgelbauer, Theologe. „Franz hat uns manchen Handwerker in unserem Gemeindehaus erspart“ bewundert Gemeindepastor Stefan Taubmann seinen ehemaligen Amtskollegen. „Er ist unfassbar fleißig und geschickt, alles macht er mit einem Höchstmaß an Selbstaufgabe, er ist ein Flaggschiff fürs Ehrenamt und dabei immer auf Gott ausgerichtet, um die Welt ein Stück besser zu machen.“ Mit Freundeskreis-Mitstreitern baute Franz Beutel noch bis 2018 für Geflüchtete Schrankwände auf, schleppte Möbel, reparierte. Gerda und er gehören stets zu den Organisatoren der Weihnachtsfeiern für Flüchtlingskinder und er schonte sich nie beim Frühjahrsputz des Vereins mit Migranten für Gera.
Echtheit zählt für die Liebe
1955 lernten Franz und Gerda sich in der Jugendgruppe der der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde in Leipzig kennen. Für Franz war es Liebe auf den ersten Blick. „Ich sehe den Menschen ins Gesicht und sah bei meiner Gerda Echtheit.“ Den in Mainz geborenen Franz und die Leipziger Industriekauffrau Gerda verbinden nicht nur ihre drei Kinder und sieben Enkel, viel Arbeit, Bescheidenheit und Improvisationstalent, sondern auch die Kriegserlebnisse. Franz bezeichnet sich als Binnenflüchtling in Deutschland, der 1945 den Vater und als Vierzehnjähriger die Mutter verlor, für fünf Geschwister mitsorgen musste. Gerda floh vor den Bomben nach Hinterpommern. Ihre Dankbarkeit, in Frieden zu leben, betonen sie immer wieder. Für beide ist „die Gemeinde unsere Heimat, wir lieben die Musik, singen gerne, für uns und im Chor.“ Das Kiev Sinfonieorchester gab auf Franz Beutels Einladung Konzerte im Gemeindehaus G26, die Geraer Chorvereinigung Cantabile ist musikalischer Partner des Freundeskreises.
Suche der Stadt Bestes
Am Anfang der Ehe zog das Ehepaar von Leipzig nach Sonneberg, 1980 nach Gera. „Suche der Stadt Bestes, war das Thema meiner ersten Predigt hier und ist ein Lebensprinzip von mir geworden“ sagt der weißhaarige Pastor. Menschen in Problemlagen wie Geflüchteten helfen, das ist sein, das ist Gerdas unermüdlicher Beitrag für den sozialen Frieden in Gera. Für Weltoffenheit und Menschlichkeit, gegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit bekennt sich Franz Beutel in seiner Kirche ebenso wie bei Reden auf dem Geraer Marktplatz. „Der grassierende Individualismus vergiftet das Zusammenleben, schwächt die Gesellschaft. Wir dürfen niemals die Verantwortung für den Anderen vergessen“, mahnt er. Solidarität in der Ehe, Solidarität und Mitgefühl für fremde Menschen in Not, das eint die beiden.
Wenn sich die Ukrainerinnen bei ihm und Gerda für die Deutschstunde bedanken, stolz auf ihre wachsenden Deutschkenntnisse sind, „dann ist das für uns der schönste Lohn, ist nicht Pflicht, sondern Freude und Freiheit.“ Sagt Franz Beutel und lächelt dabei das hohe Lebensalter weg.
Text: Elke Lier



